von Miriam Böttcher
Laos liegt in Südostasien, grenzend an Vietnam, China, Kambodscha, Myanmar und Thailand. Es gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, und dennoch – oder gerade deswegen – hat sich eine Organisation dazu verschrieben, die Elefanten vor Ort zu schützen. Das Elephant Conservation Center1
Ich – Miriam – bin Weltenbummlerin, und war für einige Monate mit dem Rucksack in Asien. Mit einem Van ging es nach Sayaboury – von Tourismus weit und breit keine Spur.
Beeindruckt ließ ich das Bild der Landschaft an mir vorbeiziehen, einige von Laos’ Bewohnern hatten es nicht so komfortabel wie ich. Ich hatte auf meiner Reise bereits so einiges gesehen. In Südostasien transportierte man auf einem Roller alles, was irgendwo darauf Platz fand, egal ob meterlange Bauteile oder riesige seitlich überstehende Säcke, die mit allem Möglichem gefüllt waren. Das für mich mit Abstand erschreckendste Bild war jedoch jenes einer laotischen Frau, die sich offenbar in einem sehr schlechten gesundheitlichen Zustand befand, sodass sie eine Infusion benötigte. Während man in Deutschland mit einer solchen Nadel im Arm in einem Krankenhausbett gelegen hätte, befand sich diese Frau auf dem Rücksitz eines Rollers. Mit ausgestrecktem Arm hielt sie den Infusionsbeutel in die Höhe, während ihr Vordermann über die staubige Straße bretterte. Laos war ein hartes Pflaster.
Vorbei an grünen Reisfeldern gelangte ich an einen See, wo ich in ein Boot stieg. Während der Fahrt über das ruhige Wasser wurde ich von einem Mitarbeiter des Elephant Conservation Center – kurz ECC – über die Bedingungen im Camp aufgeklärt. Das ganze Gebiet wurde mit Solarstrom versorgt. Im Zuge dessen war das Laden von technischen Geräten nur über einen kurzen Zeitraum am Abend möglich, wenn der Generator lief. Starke Stromsauger wie Föhns waren tabu, weil sie die ganze Anlage lahmgelegt hätten. Trinkwasser konnte vor Ort in eine selbst mitgebrachte Flasche gefüllt werden. Die Duschartikel in den Badezimmern standen kostenlos zur Verfügung und waren biologisch abbaubar. Als ich das Pier erreichte, wurde ich herzlich begrüßt. Bevor man mich jedoch über meine Aufgaben als freiwillige Helferin aufklärte, lernte ich eine Gruppe Tagesbesucher kennen, mit der ich zunächst die einmalige Gelegenheit hatte, das Camp und seine dickhäutigen Bewohner kennenzulernen. Wir wurden dem Guide Mister Wou zugeteilt. Alle laotischen Angestellten des ECC wurden mit Mister angesprochen. Aus irgendeinem Grund entstand dadurch aber keine Distanz. Im Gegenteil, Mister Wous Lachen bis über beide Ohren ließ ab Minute eins Sympathie für ihn aufkommen. Ihn als Guide zu haben, schien ein Glücksgriff zu sein, und auch in meiner Gruppe befanden sich furchtbar nette Leute! Eine von ihnen war eine Slowakin namens Natalia, die hauptberuflich für eine Menschenrechtsorganisation arbeitete. Gerade hatte sie Urlaub und versuchte währenddessen, in Asien so viel wie möglich mit Tieren in Kontakt zu kommen. Sie nahm kein Blatt vor den Mund, wenn sie für diese Mitleid empfand. Das stellte ich unweigerlich fest, als der Guide Mister Wou uns von seinem kürzlichen Rollerunfall erzählte, bei dem er nach einer Kurve mit einer Kuh zusammengestoßen war. Bevor er der Gruppe mitteilen konnte, ob ihm dabei etwas Schlimmes passiert sei, äußerste Natalia besorgt: »Oh no, was the cow hurt? Schutzzentrum für Elefanten, www.elephantconservationcenter.com
Oh nein, wurde die Kuh verletzt?
Da musste ich herzhaft lachen, denn das war auch mein erster Gedanke gewesen, nur hätte ich diesen vor Mister Wou nicht ausgesprochen. Natalia besaß dagegen die Kühnheit, einfach rauszuhauen, was sie dachte. Am liebsten hätte sie – so erzählte sie mir – jeden einzelnen Touristen, der sich in Laos auf den Rücken eines Elefanten setzte, mit einer Steinschleuder zurück auf den Boden befördert. Diese Frau hatte Power! Ein weiterer großartiger Mensch in unserer Gruppe war ein junger Franzose, der in Laos ein Jahr lang ohne Bezahlung für Bildung kämpfte. Tagtäglich ging er mit anderen Laoten von Dorf zu Dorf, um dafür zu sorgen, dass Kinder lesen lernten. Was er über seine Arbeit berichtete, war erschreckend. Viele der Kinder, mit denen er in Kontakt gekommen war, waren schon vor dem Erreichen ihres zwölften Lebensjahrs drogenabhängig. Sie konnten in keine Schule gehen und ackerten Tag für Tag mit ihren Eltern auf den Feldern. Auch die Mitarbeiter des ECC waren wahre Helden. Sie hatten sich für ein Leben im Dschungel entschieden, um die Welt der Elefanten ein Stückchen besser zu machen. Unter jenen Mitarbeitern befanden sich zu einem großen Teil auch sogenannte Mahouts. Sie waren in der Vergangenheit die Führer und/oder Eigentümer von Arbeitselefanten gewesen.
Von ihnen wurden die Dickhäuter viele Tausend Jahre lang für den Holzabbau eingesetzt und mussten dabei schwere Lasten ziehen. Die Tatsache, dass genaue diese Menschen beim ECC
arbeiteten, machte mich zu Beginn stutzig. Je mehr ich aber darüber nachdachte, dass die Mahouts dort erfahren konnten, was es für einen Elefanten bedeutete, einfach nur ein Elefant sein zu dürfen, desto mehr freundete ich mich damit an. Die Zusammenarbeit des ECC mit den Mahouts war von großer Wichtigkeit, denn nur sie verfügten über die jahrelange Erfahrung mit den Tieren und kannten deren Verhalten. Man könnte sagen, dass sie der Schlüssel waren. Um ihren Arbeitsplatz in dem Schutzzentrum so attraktiv wie möglich zu gestalten, bekamen sie ein Vielfaches ihres üblichen Jahresgehalts gezahlt, darüber hinaus eine Unterkunft, Verpflegung, Krankenversicherung und ein Telefonguthaben. Der Schutz der Tiere sollte bei den Mahouts mit einem positiven Gefühl verbunden werden und Mundpropaganda schaffen. Das Wohl der Tiere stand beim ECC an erster Stelle. Anders als bei vielen anderen Auffangstationen war es keinem Besucher gestattet, die Elefanten zu berühren, allein schon aus Respekt ihnen gegenüber. Sie – und Tiere generell – waren keinesfalls auf dieser Welt, um Schaulustigen irgendetwas vorzuführen, schon gar keine Mathe-Tricks, wie es die Dickhäuter in vielen Ländern zu touristischen Zwecken tagtäglich tun mussten. Dass ihre ausgeprägte Intelligenz auf den Menschen faszinierend wirkte, war nicht verwunderlich. Ich glaube jedoch nicht, dass Elefanten Spaß an Mathematik haben; ich persönlich hätte dieses Fach zu Schulzeiten jedenfalls am liebsten abgewählt! Ich war in Mathe so schlecht,
dass mich so ein dressierter Elefant beim Addieren von Zahlen sogar höchstwahrscheinlich geschlagen hätte.
Zum ECC kamen keine Besucher, die egoistische Ansichten verfolgten, sondern jene, die echtes Interesse an Elefanten hatten, so wie meine Gruppe. Als wir diese wundervollen Geschöpfe zum ersten Mal sahen, nahmen sie gerade ihr tägliches Bad. Nicht alle von ihnen mochten das Wasser – wie es bei uns Menschen nicht anders ist –, also kamen manche Elefanten nur zum Trinken an den See. Keiner von ihnen wurde zum Baden gezwungen, auch wenn den sanften Gemütern das Bedecken ihres Körpers mit Wasser gut tat, weil sie sich damit vor Insekten schützen konnten. Ihre Haut mag dick und robust wirken, in Wirklichkeit ist sie aber außerordentlich sensibel, so wie die Tiere selbst. Elefanten sind nicht nur äußerst sozial, sondern auch überaus intelligent, und noch dazu emotional. Erleben sie zu viel Leid, können sie – wie wir Menschen – post-traumatische Belastungsstörungen erleiden. Ihr Empfinden von Mitleid und Kummer kann so stark sein, dass man sie in freier Wildbahn schon dabei beobachtete, wie sie ihre verstorbenen Artgenossen zudeckten und weinende Freunde trösteten. Zum ECC kamen keine Besucher, die egoistische Ansichten verfolgten, sondern jene, die echtes Interesse an Elefanten hatten, so wie meine Gruppe. Als wir diese wundervollen Geschöpfe zum ersten Mal sahen, nahmen sie gerade ihr tägliches Bad. Nicht alle von ihnen mochten das Wasser – wie es bei uns Menschen nicht anders ist –, also kamen manche Elefanten nur zum Trinken an den See. Keiner von ihnen wurde zum Baden gezwungen, auch wenn den sanften Gemütern das Bedecken ihres Körpers mit Wasser gut tat, weil sie sich damit vor Insekten schützen konnten. Ihre Haut mag dick und robust wirken, in Wirklichkeit ist sie aber außerordentlich sensibel, so wie die Tiere selbst. Elefanten sind nicht nur äußerst sozial, sondern auch überaus intelligent, und noch dazu emotional. Erleben sie zu viel Leid, können sie – wie wir Menschen – post-traumatische Belastungsstörungen erleiden. Ihr Empfinden von Mitleid und Kummer kann so stark sein, dass man sie in freier Wildbahn schon dabei beobachtete, wie sie ihre
verstorbenen Artgenossen zudeckten und weinende Freunde trösteten
Von Tag zu Tag hatte ich die Arbeit der Mitarbeiter des ECC immer mehr zu schätzen gelernt. Sie hätten ein so viel leichteres Leben außerhalb des Dschungels führen können, doch die Elefanten waren ihr Ein und Alles. Ein Angestellter hatte sich gerade erst bei einem Sturz von seinem Roller zwei Rippen gebrochen, und war trotzdem schon wieder im Einsatz. Die Ausdauer und Hingabe dieser Leute war wirklich nicht von dieser Welt! Aber auch viele der Besucher waren großartige Menschen. Tagtäglich reiste eine alte Gruppe ab und eine neue kam herbei. Am Tag der Ankunft wurde nach den Eindrücken der ersten Stunden immer eine Diskussionsrunde eröffnet, bei der ein Mitarbeiter tiefer in die Geschichte der Elefanten und die Ziele des ECC einging. Ich stellte es mir sehr ermüdend vor, die Neuankömmlinge Tag für Tag über die Arbeit im Schutzzentrum aufzuklären, denn viele Besucher urteilten über gewisse Methoden – wie ich es an meinem ersten Tag getan hatte. Seitens der Besucher immer und immer wieder dieselben Vorwürfe an den Kopf geworfen zu bekommen, musste deprimierend sein. Am Tag der Ankunft wusste man es aber nun mal nicht besser. Man sah diese wundervollen Tiere vor sich und wollte das Beste für sie. Dass dies aufgrund fehlender Gelder nur begrenzt möglich war, musste einem erst einmal begreiflich gemacht werden. Es hätte so viel mehr geschehen können, wenn mehr Menschen für das ECC gespendet hätten. Aber wen kümmerten schon irgendwelche Elefanten in Laos? Dieses Land war so weit weg
von Deutschland und vielen Menschen noch nicht einmal ein Begriff. Auch mir war es vor meiner Reise ähnlich gegangen. Über Laos hatte ich lediglich gewusst, dass es sich geografisch irgendwo bei Thailand befand. Bis heute kann ich kaum fassen, dass ich das Privileg hatte, bei einem so tollen Projekt wie dem Schutz von Elefanten mit anzupacken! Dort mitzuhelfen, war kein Tropfen auf einen heißen Stein. Wer sich auf dieser Redewendung ausruht, macht es sich sowieso unheimlich einfach. Würde sich jeder für etwas Gutes einsetzen, wäre diese Welt in kürzester Zeit um vieles besser! Wenn auch du dazu beitragen möchtest, schnapp dir entweder einen Rucksack, und mache dich nach Laos auf, oder unterstütze das Elephant Conservation Center durch eine Spende.
Mehr Ausflugstipps und Reise-Inspiration gibt es in unserer aktuellen Ausgabe Sommer 2024 – in print und digital.
Miriam macht sich ihre Weltenbummlerei durch Jobs in der Tourismus- und Outdoorbranche möglich. Wenn sie nicht gerade unterwegs ist, findet man sie ihrem Heimatland, hier ist ihre Base, aber ihr Zuhause ist die Welt. Nichts macht sie glücklicher, als sich mit ihrem Rucksack ins große Ungewisse zu begeben. Raus aus dem Hamsterrad, rein ins Abenteuer! Das erste Mal in ihrem Leben, dass sie ein derart intensives Gefühl von Freude und Dankbarkeit verspürte, war auf ihrer allerersten Reise. Sie besaß damals weder einen eigenen Backpackerrucksack, noch hatte sie auch nur einen Blick in einen Reiseführer geworfen. 18.000 Kilometer von zu Hause entfernt saß sie auf einer Bank und fragte sich: Und was jetzt? Inzwischen hat sie jeden Kontinent dieser Welt mehrmals bereist und fragt sich noch immer hin und wieder: Und was jetzt? Das Leben ist ein Abenteuer, das nur gelebt werden kann, wenn man sich aufmacht. Fotos ihrer Reisen teilt Miriam auf Instagram unter @miriam.freisein und die Geschichten dazu gibt es in ihren Büchern, die alle den Titel Freisein tragen.
Ihr Selbstverlag www.freisein-verlag.de
Text & Bildnachweise:
Text: Miriam Boettcher
Bildnachweise: Miriam Boettcher, Paul Wager, Elephant Conservation Center (ECC) Laos
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