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Israel

Land zwischen den Welten

on Tel Aviv fährt uns ein Reisebus in den Norden nach Galiläa. Dort beziehen wir unsere erste Unterkunft im ‚Ein Gev Resort‘ am See Genezareth. Ich muss schon sagen, dass ich mir unter sozialistischer Wirtschaft etwas anderes vorgestellt habe als diesen Hotelkomplex mit luxuriösen Bungalows an einem Privatstrand. Denn das Resort gehört zu einem Kibbuz, das in den 1930er Jahren unter anderem von Teddy Kollek, dem späteren Bürgermeister von Jerusalem, gegründet worden war. Nach einer langen Busfahrt kommt mir ein weiches Sofa auf meiner Veranda gerade recht. In Sichtweite erheben sich die von Israel eroberten syrischen Golanhöhen. Gegenüber am Ufer liegt die Stadt Tiberias, die Dämmerung setzt gerade ein und die ersten Lichter gehen dort an. In den 1930er Jahren gründeten jüdische Einwanderer am See den ersten Kibbuz. Sie lebten zusammen, sie arbeiteten gemeinsam, sie teilten ihren Besitz, sie erzogen die Kinder gemeinsam, Entscheidungen wurden demo kratisch getroffen, alle hatten gleiche Rechte und Pflichten. Die Pioniere betrieben bewusst Landwirtschaft. Es ging ihnen um den Kontakt zur Erde, zum Heiligen Land.

 

Im Restaurant haben die Mitarbeiter ein großes Büffet hergerichtet. Käse, Olivenöl, Tomaten, Auberginen, Avocados, Äpfel, Bananen – alles stammt aus eigenem Anbau; der Petrusfisch kommt aus dem Galiläischen Meer. Rauchig schmeckt der gegrillte Fisch, er ist mit Zitrone dekoriert. Ein Mann in den 50ern fällt mir auf, er sieht urwüchsig aus, so, wie ich mir ein Mitglied der Gemeinschaft vorstelle: Seine angegrauten langen Hippie-Haare hat er hinterm Kopf zu einem Zopf zusammengebunden, sein halbes Gesicht versteckt er unter einem struppigen Bart, der wohl noch nie irgendeine Pflege erhalten hat. Nach dem Essen stoße ich auf ihn. Er macht gerade Pause und schaut über den See. Er heißt Dotan und lebt seit 25 Jahren im Kibbuz. Seine Eltern überlebten das Konzentrationslager Ausschwitz. „Verachteten deine Eltern uns Deutsche?“ „Die Täter, ja, aber nicht ihre Nachfahren, die sind nicht schuldig.“ „Du scheinst der Restaurant-Manager zu sein. Ich dachte immer, alle im Kibbuz seien gleich, es gebe keine Chefs.“ „Am Anfang war das so, heute macht nicht mehr jeder, wozu er Lust hat, sondern das, was er wirklich kann. Und es gibt welche, die haben einen besseren Überblick als andere. Ich habe in der Landwirtschaft angefangen, war für Kirschplantagen zuständig, dann aber schlug mir die Gemeinschaft vor, hier im Resort zu arbeiten. Ich war einverstanden.“ „Betreibt die Gemeinschaft auch noch Landwirtschaft?“ „Ja, nach wie vor. Wir haben Kühe, bauen Obst und Gemüse an. Das ist die Ur-Idee, an der wir nach wie vor festhalten.“ Dotans Kinder studieren und leben in Jerusalem. Er ist überzeugt, dass sie einmal in den Kibbuz zurückkehren werden. Doch die Statistik widerspricht ihm: Immer weniger junge Israelis finden das Gemeinschaftsleben attraktiv. Früher war das anders: Zur Formung der Gesellschaft und ihres Selbstverständnisses haben die Kibbuzim entscheidend beigetragen und genossen hohe Anerkennung. Die Mitglieder demonstrierten durch ihre Landarbeit die Heiligkeit des Bodens, sie standen dafür, dass ein Jude nur auf jüdischem Boden glücklich sein und ein gottgefälliges Leben führen kann. Und Israel zeigt sich gleich von seiner schönsten Seite. Die Hügellandschaft Galiläas ist grün und fruchtbar, um den See herum steht alles im vollen Saft, Büsche, Bäume und bunte Blumen. Die Bewohner vom nahen Kapharnaum nehmen für sich in Anspruch, dass sie in der „Stadt von Jesus“ leben. In seinem Geburtsort Nazareth stieß der Messias mit seiner Verkündigung auf taube Ohren, in Kapharnaum gründete Simon Petrus die erste Hausgemeinde. Kirchen gab es am Anfang noch nicht, die Christen trafen sich zu Gottesdiensten in privaten Häusern. Auf seinen Wanderungen durch Galiläa kam Jesus auch nach Kapharnaum und besuchte die Gemeinde. Petrus beherbergte ihn in seinem Haus. Die Reste der Mauern sind noch erhalten und können besichtigt werden. Über dem Petrushaus ist eine Kirche auf Stelzen mit einem Glasboden errichtet worden. So ist es möglich, beim Gottesdienst in die Ruine hineinzugucken und sich vorzustellen, wie Jesus dort mit den Seinen zusammensaß, die Hände faltete.

Wo die Weihnachtsgeschichte spielt

Jesus stammte aus dem nahen Nazareth. Es überrascht nicht, dass die Stadt stolz ist auf ihre Vergangenheit und auf alle ihre Heiligtümer. Die Verkündigungskirche soll an dem Ort stehen, wo der Engel Gabriel Josef erklärte, dass seine Verlobte schwanger ist, vom Heiligen Geist und dass das Kind den Namen Jesus, auf ASIEN ISRAEL REPORTAGE Deutsch: er wird sein Volk retten, bekommen soll. Eine Grotte in der Krypta erinnert an die Begegnung. Wären wir Pilger, würden wir auf den Spuren Jesu von Galiläa nach Jerusalem in Judäa wandern. Oder wir würden uns mit der Heiligen Familie identifizieren, ihrem Weg folgen und uns an die Weihnachtsgeschichte bei Lukas erinnern: “Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde…“ Doch wir fahren mit dem Bus weiter nach Bethlehem.

 

 

Am Checkpoint fängt eine andere Welt an. Wir halten unsere Pässe bereit, als israelische Soldaten in den Bus steigen. Ihre Kollegen draußen tragen Maschinengewehre. Vor uns liegt das palästinensische Westjordanland oder auch die Westbank, das Westufer des Jordans. Im Sechs-Tage-Krieg im Jahre 1967 eroberte in ‚Einraumgeschäften‘ an. Vor ihren Läden schützen Sonnenschirme die Kunden, einer trägt die Werbeaufschrift „AEG“. Auf den Flachdächern schützen Schirme die Familien der Händler, die sich lieber in frischer Luft aufhalten, als in ihren dunklen Häusern mit nur kleinen Fenstern. Mit ausgebreiteten Armen kommt ein Mann auf Johannes Zang, unseren Reiseleiter vor Ort, zugelaufen und umarmt ihn: „Hello, my friend!“ Wahid betreibt einen Frisiersalon und sticht Tattoos. Keine Frage: Er ist selbst sein bester Kunde. Die schwarzen langen Haare dauerwellen sich elegant über sein Haupt. Wahid zieht einen Faden aus der Tasche und will das Frisörhandwerk an seinem Freund demonstrieren. Geschickt nimmt er den Faden zwischen Daumen, Zeige- und Ringfinger einer Hand, bildet eine Schlaufe, legt sie um ein Härchen im Gesicht seines Freundes, zieht die Schlaufe mit seiner anderen Hand zu und zieht weg– Härchen entfernt. Bei einem Mitreisenden fallen ihm Härchen am Ohr auf und noch schlimmer: aus der Nase gucken welche heraus. Gleich macht er sich an die Beseitigung. Unser „Buddy“ zuckt, aber jammert nicht. Nach Wahid treffen wir auf Sami. Gemütlich wirkt er mit seinem dicken Bauch und einem großväterlichen Schnauzer. Auf einem Tablett stehen kleine und große Gläser Schwarztee mit Pfefferminze. Er läuft damit durch sein Viertel und bietet den Tee im Vorübergehen an. Nach dem Trinken stellen seine Kunden die leeren Gläser einfach an den Straßenrand, Sam sammelt sie später ein.

 

 

Wir besuchen den Teekocher in seinem „Dampfbad“. Der Raum hat keine Fenster, die Tür bleibt immer geöffnet, mehrere verbeulte Großkessel dampfen um die Wette. Im Hand umdrehen serviert er jedem von uns ein Glas schwarzen Tee mit Zitronen- und Apfelsinenscheiben, Salbei, Ingwer und Minze. Da wir uns mit den Religionen am Ort beschäftigen, frage ich ihn nach seinem Glauben. Sami weiß nicht, ob er Christ oder Muslim ist. Sein Vater ging zur Moschee, der Sohn begleitete ihn dorthin, seine Mutter ging zur Kirche, er ging mit. Er habe sich nie festlegen müssen, was er sei. Früher kamen solche Mischehen noch vor, heute nicht mehr. Seine Brüder besuchen ihre Mutter seit 25 Jahren nicht mehr, weil sie einen Muslim geheiratet hatte.

 

 

Die Basarstraße teilt sich, ein Arm geht nach links, einer nach rechts, zwischen beiden erhebt sich eine Kirche mit hohem, spitzem Glockenturm. Der AEG-Schirm ist nicht das Einzige, was hier an Deutschland erinnert. Diese älteste lu therische Kirche in Palästina bauten deutsche Missionare im Jahre 1854. Gesang dringt durch offene Türen nach draußen und lockt uns hinein. Die Gemeinde probt schon mal vor Beginn des Gottesdienstes ihre Lieder ein. Hinter dem Altar lässt die Sonne ein buntes Kirchenfenster aufstrahlen. Zu lesen ist in Deutsch: „Ich verkündige euch große Freude.“ Der Engel Gabriel kündigt Hirten die Geburt Jesu an. Die Kuppel verzieren arabische Buchstaben – Arabisch ist auch die Sprache der Christen. Sie beten, wie Muslime zu „Allah“ – Allah heißt übersetzt Gott. Auch nach Beginn des Gottesdienstes kommen Gemeindemitglieder in die Kirche, manche gehen dafür vor dem Ende. Pfarrer Mitri Raheb trägt ein weißes Gewand, er begrüßt uns auf Deutsch (beim Studium in Deutschland lernte er die Sprache) und predigt über die Erfahrung von Zeit. Zu Johannes und unserer Gruppe sagt er: „Ihr Europäer habt die Uhren gemacht, aber Gott hat uns die Zeit geschenkt.“ Wir sollen uns mehr Zeit nehmen, zur Ruhe kommen, sonst verpassen wir das Wichtigste im Leben.

 

Wir nehmen uns die Zeit, auch die berühmte Geburtskirche zu besuchen. Ihr Eingang ist ein schmales, rechteckiges, knapp einen Meter hohes Loch in einem massiven Steinblock. Wer die Kirche betreten will, muss sich zunächst einmal klein machen und Demut zum Ausdruck bringen. Die jungen Leute vor mir machen sich einen Spaß daraus, einer geht wie ein Limbotänzer hindurch. Manch Älterer „hat Rücken“ und muss sich quälen. In der Kirche verweilt kaum ein Besucher, zielstrebig geht es eine dunkle Treppe hinab in die Geburtsgrotte. Die füllt sich schnell. Ich suche mir einen Platz am Rande der Krypta und beobachte die Frommen aus aller Welt. Ein silberner Stern kennzeichnet die Stelle, wo die Krippe Jesu gestanden haben soll. Darüber steht ein Altar. Christen aus dem europäischen Westen gehen langsam am Stern vorbei, werfen dabei einen kurzen Blick auf ihn das genügt; Gläubige aus östlichen europäischen Ländern und dem Nahen Osten kriechen unter den Altar, um den Stern zu küssen. Ihre Frömmigkeit ist voller Emotionalität und Hingabe. Ich bin mir nicht sicher, ob mich ihre Naivität befremdet oder ob ich sie beneiden soll.

Der Eseltreiber als retter

Yallah! Yallah!“ Los geht’s! Nahe Jerusalem verzichten wir auf die Annehmlichkeiten unseres Reisebusses, schnüren die Wanderstiefel, werfen einen Blick über den Wüstensand bis zum Horizont. Fünf Stunden Wanderung bis in die Oasenstadt Jericho liegen nun vor uns.

 

Bald schon wandelt sich die Judäische Sandwüste zu einer Gebirgslandschaft mit einer Schlucht, dem Wadi Quelt. Im Winter fließt reichlich Wasser durch das Wadi, jetzt im Sommer ist das Flussbett bis auf einige Rinnsale ausgetrocknet. Wir wandern durch das mit Büschen und Palmen bewachsene Quelt. Die steilen Felswände sind immer mal wieder ausgehöhlt – in den Nischen lauerten Räuber, um Pilger von Jericho nach Jerusalem zu über fallen Auf diesem Weg durch die Schlucht waren früher Pilger unterwegs, die nach Jerusalem wollten. Wir wandern in die entgegengesetzte Richtung. Streckenweise fällt Schatten auf uns. Ich erinnere mich an den 23. Psalm: „Und ob ich schon wanderte, im finster‘n Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du, Gott, bist bei mir.“ Das Tal ist der Wadi Quelt.

Vereinzelt wohnen hier palästinensische Familien mit ihren Eseln und Ziegen. Eine Schwarzweiße sitzt stolz auf einem verrosteten, löchrigen Metallfass wie auf einem Thron. Am Aquädukt aus der Zeit der Römer machen wir Halt und kühlen unsere heißen Köpfe, manches Gesicht ist knallrot angelaufen. Hoffentlich geht das gut. Eine Ziegenherde kommt um einen Felsen geschossen, ignoriert unser Vorrecht am Wasser und drängt sich an die Rinne. Unser Weg verengt sich und verläuft nun direkt an einer Felswand. Wir kommen nur hintereinander weiter, weil es auf der anderen Seite steil bergab geht. Ein Beduine reitet locker auf seinem Esel mit und scheint keine Furcht zu kennen. Seit einiger Zeit begleitet er uns. Er stellt sich als Mohammed vor. Im Schatten unter einem Baum machen wir Halt. Jemand hat ein Palästinensertuch um den Kopf gewickelt – aber ganz falsch, meint Mohammed. Er wickelt es ab, wickelt es neu, zum Schluss formt er über der Stirn mit der Spitze eine Art Dreieck und sagt „Arafat!“ Johannes klärt uns auf: So faltete der Palästinenserführer Arafat sein Tuch. Anhänger behaupteten, es sollte die Umrisse vom alten Palästina zeigen, als noch kein Israel existierte. Dann ist Mohammeds Esel gefragt: Unser Rechtsanwalt meldet wunde Füße und Erschöpfung, er könne nicht mehr weiterlaufen. Darauf hat Mohammed gewartet: Er bietet sofort Hilfe an, nur zu gern nimmt unser Mitreisender das Angebot an und klettert auf den starken Rücken des Tieres. Yallah! Weiter geht’s! Eine ältere Frau flüstert: „Ich könnte auch einen Esel brauchen.“ Ich vermute, dass der Eseltreiber uns für verrückt hält. Ein Araber wandert nicht, schon gar nicht durch eine Wüste. Nach zweieinhalb Stunden sehen wir vor uns das weiße griechisch-orthodoxe Kloster, ein verschachtelter Bau mit kleinen Fensterlöchern wie Schießscharten, einem Turm und zwei kleinen roten Kuppeln. Es scheint an einer Felswand zu kleben. Auf einmal werden die müden Beine wieder flinker. Doch das Ziel liegt oben. Die Stärkeren wollen dem steilen Weg zu Fuß folgen, die Geschwächten freuen sich über Freunde Mohammeds, die auf einmal aus allen Richtungen auf uns zu kommen. „Was kostet der Ritt hoch?“ „50,- Dollar“, bekommen wir als Antwort. Nun halten wir die Beduinen für verrückt oder besser gesagt für Geschäftemacher. Unsere Leute tun so, also ob sie zu Fuß hoch gehen wollen, das stärkt ihre Verhandlungsposition. Die Beduinen befürchten leer auszugehen. Sie senken den Preis schließlich auf 20,- Dollar pro Person.

 

Ins Kloster kommt wenig Licht hinein, die kühlen Räume mit Steinboden bewahren sich ihr Halbdunkel. Gerade mal ein zerkratzter langer Holztisch und ebensolche wohl hundert Jahre alten Bänke werden uns zur Verfügung gestellt. Hagere Mönche mit struppigen langen Vollbärten, sie tragen schwarze Kutten, huschen hin und her. Zwei von ihnen bringen Kräutertee. Aus sicherer Distanz beobachten uns einige der Mönche. Was sie wohl von uns halten?

 

Wir verabschieden uns von denen, die zum Parkplatz und unserem Bus aufsteigen, wir anderen wandern weiter. Meine Wanderfreude endet jäh – die Sohle löst sich gerade von meinem linken Schuh. Verdammt! Gerade hier, gerade jetzt. Zum Teufel mit dem Schuh! Die Sorge um meinen Wanderstiefel nimmt mit jedem Schritt mehr Besitz von mir. Und dann fällt das Gummi ab. „Kompanie Stopp!“ Was tun? Wir tauschen Ideen aus. Die beste setze ich in die Tat um: Ich fummle die langen Schnürbänder aus den Schuhen heraus, durchschneide sie, um mit einer Hälfte den einen Schuh wieder zuzubinden, mit den anderen drei Hälften binde ich das Leder des kaputten Schuhs mit seiner Sohle zusammen. Fertig. Und weiter. Vor uns teilt sich ein Felsen und in der entstandenen Lücke wird eine Wüstenstadt mit Bäumen sichtbar – Jericho. Mit jedem Schritt wächst die Hoffnung, dass ich es bis dorthin schaffe. Und ich schaffe es, meine Bindung hält. Unser Mitreisender lässt sich vom Eselführer bis zur Stadt bringen. Mohammed hat ihm ein Problem gelöst, doch nun stellt sich ein neues: Der Beduine verlangt für seinen Dienst 100,- Dollar. Wir haben den Preis nicht zu Beginn des Ritts ausgehandelt – das erweist sich jetzt als verhängnisvoll. Wir beraten kurz und kommen zu dem Ergebnis: Wucher! Wir bieten 30 Dollar an. Es folgen zähe Verhandlungen, Mohammed kriegt immer schlechtere Laune. Am Ende zahlt unser Mann 35,- Dollar, Mohammed zieht schimp – fend ab. Wie bequem doch Bussitze sind. Jeder von uns genießt die Fahrt zu einem Restaurant. Als die Getränke serviert werden, rutscht auf einmal einer von uns von seinem Stuhl und landet unter dem Tisch auf dem Boden. Da ich während meiner Zivildienstzeit im Krankentransport und Rettungsdienst arbeitete, erschreckt mich der Kollaps nicht, sondern ich tue, was zu tun ist. Er atmet. Er hat Puls, schwach und schnell. Wir legen ihn also in Seitenlage und zusätzlich noch in Schocklage, also die Beine hoch und kont – rollieren weiter Puls und Atmung. Wir werden kurz abwarten, ob sich sein Zustand bessert. Wenn nicht, rufen wir Hilfe. Doch schon öffnet er wieder die Augen.

Bloß nicht schwimmen

Während unserer harten Wanderung durch die Wüste sehnte ich mich nach Wasser. Was könnte schöner sein als Schwimmen im kühlen Meer? Nur ist das Tote Meer kein Meer, sein Wasser kühlt nicht und am besten schließt man seine Augen. Der See hat nicht viel Wasser, aber noch genug zum Baden. Eine Bar macht mit dem Hinweis auf sich aufmerksam: „The Lowest Bar in The World“. Tatsächlich liegt der See 430 Meter unter dem Meeresspiegel und hält damit den Rekord des am tiefsten zugänglichen Ortes der Welt. Jedes Jahr sinkt die Wasseroberfläche um einen Meter tiefer und verkleinert sich. Irgendwann werden wir eine Wüstenwanderung durch den See ma – chen können. Am Ufer steht ein rostiger Sprung – turm. Wer tatsächlich einen Kopfsprung machte, rammte sein Haupt in trockenen Sandboden.

 

Was ich sehe, ist unfassbar: Die Menschen im See lesen im Liegen Zeitung. Ohne Armbewe – gungen gehen sie nicht unter. Der Salzgehalt liegt bei 33 Prozent, die Oberfläche trägt. Und unter der Oberfläche lebt gar nichts – das Salzmeer ist tot. Gleich nach Verlassen des festen Ufers ver – sinke ich in Schlamm. Weiter in den See hineinzu – gehen, kostet Kraft. Strandbadbesucher auf dem Trockenen nutzen die Heilkraft des Schlammes und reiben ihren Körper vom Scheitel bis zu den Füßen ein. Ich schwimme nicht, sondern lege mich rücklings ins Wasser. Tatsächlich, es trägt mich. Keine Schwerkraft zieht mich nach unten. Wie erholsam. Jemand macht in Brustlage eine Schwimmbewegung, sofort ermahnt ihn eine strenge Stimme, hundertfach verstärkt durch Lautsprecher: „Nicht schwimmen! Leg dich auf den Rücken!“ Schwimmen ist verboten, denn durch die Bewegung würde Salzwasser in die eigenen Augen oder die Augen anderer spritzen, der Betroffene müsste sofort unter eine Dusche und seine Augen ausspülen, andernfalls drohte ihm eine Schädigung seines Sehens. Ich schließe meine Augen und genieße das Nichtstun.

Hape hat´s gespürt

In West-Jerusalem scheint gerade Camping große Mode zu sein. Vor Restaurants hocken Israelis in Zelten beieinander und lassen es sich schmecken. Leute wedeln mit Palmen. Juden erinnern sich an die Flucht ihrer frühen Vorfahren aus der Gefangenschaft in Ägypten. Auf ihrer 40-jährigen Wanderschaft zurück in die alte Heimat bauten sie sich provisorische Hütten. Auch Wir fahren weiter nach Ostjerusalem in das Knights Palace Jerusalem am Neuen Tor. Einige der restaurierten Mauern des katholischen Hotels stammen noch aus der Kreuzfahrerzeit. Auch das ausgestellte Wappen der Kreuzritter: „Deus lo vult“ (Gott will es).

 

Wie erschließt man sich die Stadt? Am besten von außen nach innen. Und zunächst von oben, mit einem Panoramablick vom Ölberg (Mount of Olives): Jerusalem posiert wie ein Modell, voller Stolz auf seine einzigartige Schönheit. Sie bezaubert drei große Religionen der Welt und genießt den Kniefall ihrer Verehrer. Die goldene Kuppel des Felsendoms fällt mir auf: Sie erhebt sich auf dem Tempelberg über das dichte Gemenge von Kirchen und Häusern. Gleich neben dem muslimischen Hauptheiligtum macht die Al-Aqsa-Moschee mit ihrer kleinen schwarzen Kuppel am Kopfende eines langgestreckten Rechtecks auf sich aufmerksam. Irgendwo dort muss auch die Klagemauer sein. Man sieht sie nicht, dafür aber einen schmalen, eckigen Turm mit einem spitzen Dach – die deutsche Erlöserkirche. Zwei flache dunkle Kuppeln daneben fallen kaum auf. Bescheiden liegt sie da, die wichtigste Pilgerstätte der Christen: die Grabeskirche.

 

Eine kleine Wanderung bergabwärts bis in die Altstadt steht auf unserem Programm. Den ersten Halt machen wir an der Paternoster Kirche der Nonnen des katholischen Karmeliter Ordens. An dem Ort soll Jesus seinen Jüngern das Vater unser gelehrt haben soll. In einem geschützten Innenhof, der von Mauern umgeben ist, stößt man auf eine religiöse Attraktion: Auf das ursprünglich hebräische Gebet in 140 Sprachen. Jeder Besucher freut sich, hat er seine gefunden. Ich stoße auf das Niederdeutsche „Vader unser“ und erinnere mich an meine Großmutter. Sie konnte noch im alten norddeutschen Dialekt sprechen und beten. Sogar die Helgoländer sind hier vertreten und auch die Mundart der Inuit auf Grönland (Ataatarput qilammiussutit).

 

Mit der Beschreibung des Gartens Getsemani auf dem Ölberg in Jerusalem, dem letzten Zufluchtsort Jesu vor seiner Kreuzigung, fängt das neue Buch von Hape Kerkeling an: Ganz ernst erzählt der Komödiant, wie der Gartenwächter bei seinem Besuch dort nach einem halb verrosteten Schlüssel griff und das kleine, schmiedeeiserne Tor zum Garten öffnete. Kerkeling tritt ein und lässt sich berühren: „Das karge Wäldchen durchströmt spürbar eine liebevolle Kraft, der ich mich selbst, wenn ich es wollte, nicht erwehren kann. Hier ist alles im harmonischen Fluss, mein Geist und mein Körper geraten in Einklang mit dieser zarten und friedvollen Stimmung. Seltsam befreiend fühlt es sich an, durch diesen Garten zu wandeln.“ Am Ende fragt ihn der Wächter: „Haben Sie es gespürt?“ „Ja, das habe ich.“ Der Besuch im Garten Gethsemane motivierte Kerkeling dazu, das Buch zu schreiben, ein schwieriges Buch, wie er selbst betont, weil er auch ausführlich über den Freitod seiner Mutter berichtet. Dazu brauchte er viel Kraft – aus dem Garten.

 

Wir gehen in Richtung Westmauer im Jüdischen Viertel. Dort befindet sich der Zugang zum muslimischen Tempelberg mit dem Felsendom. Ein über den Platz an der Klagemauer verlaufender geschlossener Tunnel führt hinüber zum Tempelberg. Bevor man ihn betreten darf, muss man seinen Pass kontrollieren lassen und wird darauf hingewiesen, dass drüben das Mitführen christlicher Symbole verboten ist; auf einem Schild wird Juden erklärt, dass sie unerwünschte Personen sind. Vom oberirdischen Gang aus sehe ich unter mir viele Beter an der Klagemauer: Männer in schwarzen Anzügen, mit weißen Gebetsschals über den Schultern, Kippas bedecken ihre Köpfe. Von ihnen durch ein Gitter getrennt beten Frauen. Verlässt man am Ende den Gang, findet man sich in einer muslimischen Welt wieder. Zwei alte Männer mit Gebetshüten lassen die Perlen der Gebetsketten durch ihre Hände gleiten, bei jeder Perle preisen sie Allah und seinen Propheten. Andere Männer, zum Teil tragen sie Palästinensertücher, sitzen unter Bäumen in Grüppchen zusammen und diskutieren eifrig, sie teilen sich auch mit starken Gesten mit. Ein Imam im langen Mantel, er trägt einen weißen, runden Hut, geht vorüber, begrüßt sie kurz. Einer der Alten steht von seinem Plastikstuhl auf und geht auf den Gelehrten zu – über Gott oder die Welt oder beides werden einige Worte gewechselt. Plötzlich taucht es auf: das Heiligtum, das Wahrzeichen Jerusalems. Nach Mekka und Medina ist der Felsendom das drittwichtigste Pilgerziel der muslimischen Weltgemeinschaft.

Die goldene Kuppel symbolisiert mit ihrem Halbrund die Sphäre Gottes, das Achteck darunter die Welt – Welt und Gott sind baulich eine Einheit. Man kann den Schrein mit einer Moschee verwechseln, weil die architektonische Struktur bei beiden gleich ist. Im Felsendom werden schon Andachten gehalten, doch die fünf täglichen Pflichtgebete und die Freitagspredigt des Imams finden nebenan in der AlAqsa-Moschee statt Ich schaue mich auf dem Tempelberg um, seine Größe fasst an Freitagen hunderttausend Beter. Mir fallen jüdische Israelis auf, die über den Platz laufen und israelische Fahnen schwenken. Die diskutierenden Männer auf den Plastikstühlen beschimpfen sie und machen heftige Hand- und Armbewegungen in ihre Richtung, als ob sie sie verjagen möchten: Verschwindet! Sie verschwinden aus meinem Blick. Kurze Zeit später knallen irgendwo mehrere Schüsse. Ein Aufseher spricht aufgeregt in ein Funkgerät. „Was ist los?“, wollen wir wissen. „Es gibt ein Problem. Geht nicht die Richtung. Geht dorthin und verlasst den Tempelberg.“ Johannes Zang stellt die Vermutung an, dass junge Muslime die Israelis mit Steinen beworfen haben könnten und dass daraufhin israelische Soldaten Warnschüsse abgegeben hätten. Vor der Moschee baut sich eine Einheit der Armee auf. Wir haben den Ort des Tumults noch nicht verlassen, als die Alten sich wieder ihrem Gespräch widmen und die Soldaten sich auf eine Steinmauer setzen, ihre Schutzschilde legen sie auf den Boden. Beide Konfliktparteien gehen routiniert mit dem Zwischenfall um.

Beten an der Klagemauer

Die Mauerruine stellt nur noch ein letztes Überbleibsel des souveränen Reiches Israel unter den Königen David und Salomo dar. Im sechsten vorchristlichen Jahrhundert beendete der Babylonierkönig Nebukadnezar Israels Traum vom Glück im eignen Land: Das Allerheiligste zerlegte er in Einzelteile und verschleppte das Volk in sein Land. Die Juden glauben an eine göttliche Präsenz an der Westmauer. Sie teilen ihm ihre Bitten auf Zetteln mit, die sie in die Mauerritzen stecken. Ich schreibe eine Bitte auf einen zerknüllten Zettel aus meiner Hosentasche, bahne mir einen Weg durch die Frommen an der Mauer, die laut beten und sich dabei schütteln, und platziere sie. Als Barack Obama die Klagemauer besuchte, formulierte er die Bitten: Um Weisheit bei seinen Entscheidungen und um Schutz für seine Familie. Die Welt erfuhr, was Obama betete, weil ein Student den Zettel aus der Mauer nahm und einer Zeitung zur Verfügung stellte, die sich nicht scheute, die Bitten zu veröffentlichen. Damit löste der Herausgeber heftige Empörung in Israel aus: Die Gebete sind tabu. Ein Rabbiner steckte den Zettel zurück in die Mauer.

 

An der Mauer lassen sich die verschiedenen Richtungen des Judentums identifizieren. Männer in Alltagskleidung mit Kippa geben sich als liberal zu erkennen. Männer im schwarzen Anzug mit Hut als orthodox; für sie gelten mehr Thora-Gesetze als für die Liberalen. Überboten werden sie von den Streng-Orthodoxen im Anzug oder Kaftan, die unter ihrem Hut noch Kippa tragen, sie haben Bart und Schläfenlocken, binden sich vor dem Gebet Gebetsriemen um Arm und Kopf und legen sich ihren weißschwarzen Gebetschal um die Schulter. Die Ultras leben in abgeschotteten Wohngebieten wie in Mea Shearim in Jerusalem, sie studieren täglich die Heilige Schrift (Thora) und lehnen es ab, sich mit weltlichem Wissen zu befassen, weltliche Arbeit auszuüben, verweigern sie ebenso. Die meisten Familien leben in Armut, da sie vom Staat nur mit Mindestalimenten unterhalten werden. Manche von ihnen haben einen Striemel, eine Pelzmütze, auf dem Kopf und geben zu erkennen, dass ihre Vorfahren einst aus Osteuropa eingewandert sind.

 

Ich beobachte, wie gewissenhaft ein ultraorthodoxer Vater seinem Sohn einen Gebetsriemen umlegt. Er schiebt dessen Hemdärmel hoch und bindet den schwarzen Riemen von der Hand aus hoch bis zum Oberarm. Der Sohn soll begreifen, dass es darauf ankommt im Leben. Und weil die Sache von herausragender Wichtigkeit ist, gibt die Mutter auch noch ihren Kommentar ab. Allerdings muss sie sich auf einem Gitter aufstützen und hochrecken, damit sie vom abgetrennten Frauenbereich in den Männerbereich hinübersehen kann. Für die Westmauer gelten die orthodoxen Synagogengesetze – Männer und Frauen beten getrennt. Die frommen Männer haben sich den Hauptteil der Mauer reserviert, das „schwache“ Geschlecht bekommt ein Endstück. Gar kein Verständnis haben die „Herren der Schöpfung“ für den regelmäßigen Krawall der „Women oft he Wall“. Was soll Gott nur dazu sagen? Diese Anarchistinnen verlangen im Hauptbereich zu beten. Sie übertreten das Verbot, einen Gebetsschal zu tragen. Sie lesen laut aus der Thora – Frauen sind verpflichtet, sich leise zu verhalten. Wenn sie sich sogar erlauben, in den Männerbereich einzudringen greift die Polizei durch und verhaftet die Frauen. Die Ordnungshüter bringen die Welt der Männer wieder ins Lot. In dieser Ordnung wird Glatze bevorzugt.

 

Manche strengen Herren verlangen, dass ihre Frauen sich nach der Hochzeit die Haare abschneiden und in der Öffentlichkeit Perücke (hebräisch Sheitel) tragen. Das ist ein schönes Zeichen von Demut vor Gott – und kein anderer Kerl bekommt jemals ihre verführerische Schönheit zu sehen. Keiner bekommt auch die Knie einer jüdischen Frau, ihre Schultern oder Arme zu sehen – alles ist abgedeckt und der Anblick bleibt dem Gatten vorbehalten. Seine Frau gehört allein ihm. Kurzum: Hier an der Mauer (und nicht nur hier) feiert das Patriar chat das Fest seiner die Zeiten überdauernden Herrlichkeit. Die Kinder dürfen bei Papa mitfeiern, im Durchschnitt sind es sieben pro Familie. Manchmal winkt man hinüber zu Mama, der Kindergebärerin, und ist stolz auf sie. Als Tourist unterwirft man sich kurzzeitig den jü dischen Vorschriften. Am Eingang zur Mauer bekommt man kostenlos eine Kippa und setzt sie sich auf. Damit erhält man alle Rechte (an die Mauer treten, verweilen, die Thora auf Hebräisch lesen, beten, Zettel einstecken, den anderen bei alldem zusehen). Man darf sie als Andenken behalten. Nach unserem Besuch nehmen wir die Käppchen ab und ziehen durch die Altstadtgassen weiter zur Grabeskirche. Jesus trug hier auf der Via Dolorosa ein Kreuz bis zum Golgatha-Hügel, wo er gekreuzigt wurde und vom Tod auferstand. An der Stelle steht die Kirche.

 

Für manchen seelenschwachen Menschen ist die Via Dolorosa eine Überforderung. Ich hatte vor der Reise vom „Jerusalem-Syndrom“ gelesen, jetzt sehe ich, was das ist. Ein zerlumpter Mann mit wirren Augen, wild wehenden langen Haaren und mit einer Dornenkrone auf dem Kopf schleppt sich durch die Straße. Er ist Jesus – meint er. Er fällt nur den Touristen auf, nicht den Einheimischen. Sie haben hier auch schon Mosesse und Davids und Marias erlebt.

 

Nach Felsendom und Westmauer steht noch der Besuch des dritten großen Heiligtums aus: der Grabeskirche. Wo die Altstadt am stärksten verwinkelt ist, führt ein schmaler Weg mit mehreren Abzweigungen genau dorthin. Auf dem Golgatha-Hügel und dem Grab Jesu ließ der römische Kaiser Konstantin die Kirche bauen. Konstantin bekehrte sich im vierten Jahrhundert zum Christentum wie auch seine Schwester Anastasia, auf Deutsch die Auferstandene. Ihr Name ist abgeleitet vom Altgriechischen Anastasis: Auferstehung. So nennt die griechisch-orthodoxe Kirche das Heiligtum und setzt mit der Herausstellung der Vergöttlichung Jesu einen anderen Schwerpunkt als die westliche Kirche, der es um den Tod Jesu geht, den sie als Sühnetod für die Sünde der Menschheit glaubt. Einigkeit war und ist den verschiedenen Kirchen fremd. Sechs teilen sich das Heiligtum – Griechen, Armenier, Syrer, Äthiopier, Kopten und katholische Franziskaner. An Festtagen wie zu Ostern drehen sie manchmal durch – in aller Regelmäßigkeit: Die Griechisch-Orthodoxen kommen zum Gottesdienst, die Katholiken sind schon da und blockieren den Hauptaltar (oder umgekehrt). Erst beschimpfen sie sich gegenseitig, der Streit eskaliert und manchmal prügeln sich dann Priester, Mönche und Gläubige. So originell kann man das Fest der Auferstehung Jesu auch begehen. Jesus im Himmel wird zufrieden sein: „Meine Mission war erfolgreich: Sie haben meine Botschaft verstanden.“ Aber eben doch nicht ganz verstanden. Denn ohne Wadjee gingen sie schon aufeinander los, bevor sie die Kirche überhaupt betreten hätten. Torwärter Wadjee wacht über den Eingang, er schließt das mächtige Tor morgens um vier Uhr für alle auf und schließt es abends um 19 Uhr wieder zu. Wenn er tot ist, wird ein Mitglied der Familie an seine Stelle treten. So hat es ein osmanischer Sultan gegen Ende des 19. Jahrhunderts verfügt. Kurios: Der Muslim sorgt dafür, dass die Christen sich nicht gegenseitig aussperren.

 

Gleich hinter dem Tor fallen Gläubige auf die Knie und küssen innig wie ein Bräutigam seine Braut den Salbstein, auf dem Jesus gelegen haben soll. Mehrere Ebenen mit Treppen-Aufstiegen und Abstiegen, 30 Kapellen, kurvigen Wegen, die irgendwohin führen, Kuppeln, Leuchtern, Öllampen und Heiligenbildern bilden ein dunkles Labyrinth. Ich steige eine Treppe zur Kreuzigungskapelle hoch, wo der Golgathafelsen verehrt wird. Gläubige fallen nieder, wo der Fuß des Kreuzes Jesu in den Stein eingelassen wurde. Das Ziel jedes Kirchenbesuchs ist die Grabeskapelle. Dort mischen sich Touristen und Pilger; vor einem kleinen Haus in der Mitte des Raumes bilden sie eine lange Schlange und müssen Geduld beweisen. Nur wenige werden von einem griesgrämigen orthodoxen Mönch in schwarzer Kutte gleichzeitig eingelassen. Neben mir steht ein Franziskanermönch in brauner Kutte und Kreuz am Hüftgürtel an. Er besucht Jerusalem mit einer Pilgergruppe aus Bratislava/Slowakei. Den Höhepunkt der Reise hat er sich anders vorgestellt – ruhiger, andächtiger. „Die Touristen verursachen die Unruhe, Pilger sind stille Leute“, schimpft er. Nun bin ich an der Reihe: Ich darf eintreten. Die Grabkammer öffnet sich nach oben mit einem Loch in der Kuppel, ein goldener Strahlenkranz verziert es. Den Naiven unter den Gläubigen wird veranschaulicht, was Auferstehung bedeutet: Jesus flog wie eine Rakete durch das Loch in Richtung Himmel. Ich halte mich nur kurz auf und verlasse die Grabkammer wieder.

Ich bin Luft für die Bewohner

Ein amerikanischer Kaffee in der Mamilla Avenue kostet doppelt so viel wie in Ostjerusalem. Dafür trägt der Kellner ein weißes Hemd, schwarze Hose und polierte Lederschuhe, er spricht ein sehr gekonntes Englisch. Wer durch diese Shopping-Meile schlendert und zum Beispiel bei Soho einkauft, hat eine belastbare Kreditkarte bei sich. Wer indes im ultraorthodoxen Viertel Mea Shearim lebt, besitzt keine Kreditkarte. Erwünscht bin ich nicht, das ist mir bewusst, trotzdem werde ich durch das Viertel gehen. Vielleicht weil ich ein typisch deutscher Rechthaber bin und meine, eine Sondergruppe kann nicht öffentlichen Raum in einer Stadt für sich allein beanspruchen. Ich trete also in die fremde Welt ein und sehe als erstes – Müll. Überall liegt Plastik- und Papiermüll auf der Straße und schreit: Sammelt mich endlich ein! Das ganze Viertel wirkt ärmlich. Putz bröckelt von maroden Hauswänden und Stromkabel hängen nicht verlegt und ungesichert an Hauswänden. Zeitungen werden hier nicht gelesen, dafür liefern großflächige Plakate an Mauern den Bewohnern wichtige Informationen. Autos dürfen nicht herein, den Menschen gehören die schmalen Straßen. Männer in schwarzen Anzügen und weißen Hemden, manche in Gebetsschal gewickelt, ziehen mit ihren Familien durch die Hauptstraße. Auch die Frauen bevorzugen schwarz – schwarzes Kleid, schwarzes Kopftuch. Jedes Elternpaar ist mit mehreren Kindern unterwegs. Ein junger Vater kommt mir mit seinen drei Kindern in einem Kinderwagen für zwei entgegen. Sie sehen mich nicht. Alle anderen sehen mich auch nicht. Sie gucken nicht demonstrativ weg – ich habe nur den Eindruck, dass ich für sie Luft bin. Ich erlaube mir nicht, sie zu fotografieren. Doch für das Straßenschild „Mea Shearim“ zücke ich meine Kamera und will ein Bild machen. Ein junger Bartträger in schwarz kommt auf mich zu und sagt in scharfem Ton: „Hier wird nicht fotografiert!“ Ich erwidere, dass diese Straße kein Privatbesitz ist und dass ich selbst entscheide, was ich fotografiere. Er wiederholt seinen „Befehl“ und erklärt mir, dass die Bewohner die Regeln festlegen. Sei’s drum! Ein anderer geht an mir vorbei und spuckt aus. Meint er mich damit? Ultraorthodoxe Juden können rabiat sein.

Lebenslust und Liebesgier

Unter Israelis heißt es: „In Jerusalem wird gebetet; in Haifa gearbeitet; in Tel Aviv gelebt“. Zurück in der Stadt, wo unser Abenteuer startete. An der 14 Kilometer langen Strandpromenade stellen Männer ihre fettreduzierten Muskelkörper in die Sonne; Frauen verringern den Stoff am Körper auf ein Minimum und ziehen lustvolle Blicke auf sich. 1998 sangen sie am Strand einen Sommer lang die Hymne der Stadt. Dana International war eine von ihnen. Sie trat im Finale des Eurovision Song Context für Israel an. Mit „Diva“ gewann sie. Bei der Vorstellung aller Kandidaten sang sie ein Lied auf ihre Geburtsstadt – „Tel Aviv“. Dana verkörperte Liberalität, Lebenslust, sexuelle Freiheit. Dafür wurde sie verehrt – die Ultraorthodoxen hätten sie am liebsten gesteinigt. Am Strand kannte man sie als Mann, bis sie ihr Geschlecht wechselte.

Nach dem Finale trug man auf der Gay-Parade über den Ben-Gurion-Boulevard an der Gordon Beach sonnig-gelbe Minikleider – wie sie. Ultraorthodoxe bewarfen die Schwulen und Lesben mit Steinen. Das ist Tel Aviv. Die Stadt heißt auch „Silicon Wadi“ (nach dem großen Vorbild Silicon Valley in Kalifornien). In kreativen Digital-Unternehmen wird viel Geld gemacht. Sie gehört zu den 50 teuersten Städten der Welt. Die Mieten steigen und steigen, durchschnittliche Bewohner protestieren immer häufiger dagegen, werfen Steine gegen die Glasfronten der Wohnungsgesellschaften und verachten die Regierung wegen ihrer Untätigkeit.

 

Mit dem Ziel „Souk“ folge ich dem Rothschild Boulevard und biege in die Allenby Straße ein – noch mehr Bauhaus. Versteckt hinter einem Gemüsestand verbirgt sich im Carmel Markt das Restaurant Hummus HacCarmel. Ein schnörkelloser rechteckiger Raum mit weißen Wänden passt sich den Gropius-Häusern an, einige fromme Accessoires wie eine an der Wand haftende Thorarolle, Gebetbücher und blaue Davidsterne erzeugen die Illusion einer Synagoge. Doch beten will hier keiner. Der Saal ist vollgestellt mit billigen Tischen und Stühlen vom Baumarkt um die Ecke. Auf Schönheit kommt es hier keinem an. Hinter einem Tresen nimmt ein dürrer Kippaträger im befleckten dunkelblauen T-Shirt die Bestellung auf, Zeit für Unterhaltung hat er nicht, es ist voll. Keiner macht hier unnütze Worte. Am Tresen sage ich: „Shalom“ und „Hummus Tahini“. Die flinken Hände legen los. In eine Schale wird Sesammus (Tahini) mit Knoblauch und Zitronensaft gestrichen, Olivenöl bildet oben drauf eine Lache, zum Stillleben wird die Schale durch hingetupfte Kichererbsen. Dazu gibt es Fladenbrot. Fertig! Zahlen! Setzen! Essen! Mit Fladenbrot schaufele ich den cremigen Teig in meinen Mund. So macht es hier jeder. Nach viel Europa in Tel Aviv findet man auf dem Carmel-Markt den Orient. In den Gassen lauern Kleinhändler auf ihre Kunden.

 

Den Bewohnern bieten sie vor ihren Läden so gut wie alles an, was im Haushalt und Heimwerkerkeller gebraucht wird, den Touristen bunte Kippas und Unterhosen mit aufgedruckter israelischer und US-amerikanischer Flagge, die israelische sogar mit Davidstern. „Nimm drei, dann bekommst du einen Sonderpreis“, bietet mir ein krummer Alter an, der eigentlich längst im Ruhestand sein sollte. „Welche soll ich noch nehmen?“, frage ich ihn. Er will mir helfen, die dritte Nationalflagge zu finden: „Aus welchem Land kommst du?“ „Aus Deutschland.“ Er zögert: „Die habe ich nicht. Nimm eine englische!“ „Gute Idee!“ Den Preis auszuhandeln nimmt dann etwas Zeit in Anspruch – tatsächlich: Hier ist der Orient!

 

Ein Hinweis zum Schluss: Alle Teilnehmer:innen meiner Reisen nach Israel brauchten danach Zeit, sich von ihren Eindrücken zu erholen. Wenn du das nicht möchtest, bleibe lieber zu Hause. Wenn du aber bereit bist, dann los! Yallah!

Volker Keller

Inhalt aus Ausgabe: Sommer 2022

In dieser Ausgabe statten wir dem Ahrtal einen Besuch ab und gehen dabei in den Untergrund. Tief versteckt in den Bergen des Ahrgebirges, befindet sich der wohl geheimste Ort der damaligen Bonner Republik. Ein Stück Zeitgeschichte und eine Reise in die Vergangenheit – und aktueller denn je. Wir besuchen den ehemaligen Regierungsbunker und erfahren dabei Neues und Überraschendes aus der damaligen Zeit, als der Kalte Krieg noch real war. Eine Zeit, die sich gerade anschickt zu wiederholen. Wir lernen Nadine Steinhäuser kennen. Eine Coachin, die uns lehrt zu Reisen. Wie bitte? Ja, denn für viele ist Reisen ein Wunsch und bleibt ein Traum, den sie sich aus den unterschiedlichen Gründen nicht erfüllen können. Und wenn es einmal nicht das Geld ist, was bremst uns dann, was blockiert uns? Die Gründe dafür sind vielfältig. Nadine Steinhäuser erzählt von Ihren Erfahrungen. Auf Nachbarschaftsbesuch haben wir einen Schwerpunkt dieser Ausgabe betitelt. Ein Land, das so viel mehr ist als frittierte Kost, Windmühlen und Felder die unter dem Meeresspiegel liegen. Seid gespannt auf neue Eindrücke und Erkenntnisse aus den Niederlanden. Unsere Reportage führt uns nach Israel. Abseits von all dem Politischen offenbart sich uns ein Land, welches es sich unbedingt lohnt, einmal näher kennenzulernen. Neben allerlei geschichtlichen und zwischenmenschlichen Begegnungen, erfahren wir viel Interessantes über das Land und die Menschen.

Adobe, Volker Keller

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Winter 2021

Die raue Nordsee auf den Faröer kommt uns hier im Winter eher ruhig und beschaulich vor. So reisen wir weiter über die Ostsee an die Mecklenburger Seenplatte. Wir besuchen Waren Müritz und legen einen Winter-Wellness-Aufenthalt in Bad Füssing ein. Gestärkt genießen wir den reinen Winter in Oberaudorf. Im Salzkammergut erwartet uns die beschauliche Marktgemeinde Eugendorf. Wir wandern in Liechtenstein, reisen nach Neapel und flanieren über die berühmte Krippenstraße. Ein Abstecher führt uns auf die Inseln Rhodos und Zypern. Wir befahren den Suez Kanal und erhalten exklusive Eindrücke von dieser für den Welthandel so wichtigen Handelsroute. In Kuba bestaunen wir die Wasserfälle im ‚Parque el Nicho‘, tauchen ein in das Lebensgefühl der Ticos und Ticas in Costa Rica, begeben uns auf die Spuren deutscher und italienischer Einwanderer in Brasilien, bevor wir über die ‚Fernstraße der Freiheit‘ in Patagonien nahezu bis ans Ende Welt gehen, um abschließend einer Insel mit Pinguinen aufzuwarten.