Die deutsche Fachwerkstrasse

Genuss, Kultur & Erholung

Taiwan ein nachhaltiger Umbruch

Raus aus dem Flieger, rein in eine völlig fremde Welt. Ein Abenteuer im Tawai beginnend in Nihao Taipei erwartet Ronja und Sebastian

Was wissen wir denn eigentlich über Taiwan, fragten wir uns eines Abends. Kommen unsere Laptops nicht daher? Und in den billigen Jeans steht doch auch oft „Made in Taiwan“, oder? Wie bewegen wir uns dort als Tourist*in überhaupt fort? Und was machen wir sieben Wochen lang in einem Land, das gerade einmal so groß wie Baden-Württemberg ist? Letztere Frage begleitete uns tatsächlich noch länger, sowohl vor der Reise von als auch vor Ort. Die Antwort dazu haben wir für uns wohl gefunden – dazu aber später mehr. Mit vielen Fragen im Gepäck starten wir in ein neues Abenteuer.

Aller Anfang ist schwer – Nihao Taipei

Mit schweren Backpacks ließen wir den Schalter am Flughafen hinter uns, meisterten den obligatorischen Security-Check und warteten auf den Flug in das unbekannte Land. Während wir noch rätselten, warum uns die Stewardessen so kritisch beäugten, rief die sonore Stimme des Hamburger Flughafens den Check-In aus und wir reihten uns brav in die Schlange ein, die bereits jetzt schon überwiegend aus Taiwanesen bestand. Kurze Zeit später offenbarte sich der Grund für die strengen Blicke der Stewardessen: „Excuse me, why didn’t you check in your backpacks as bulky baggage? You’re not allowed to bring such big backpacks into the plane.” Während wir in Peinlichkeit versanken, nahm uns ein netter Mitarbeiter die Rucksäcke ab und verfrachtete sie für uns direkt in den großen, dunklen Bauch des Flugzeugs. Irgendwie hatten wir die Sperrgepäckaufgabe verpasst… welch ein Start… über den wir allerdings heute herzhaft lachen und der inzwischen zu einem Running-Gag vor jedem Flug geworden ist.

Raus aus dem Flieger, rein in eine völlig fremde Welt. Hupende Autos, lautstark gestikulierende Taiwanes*innen, riesige Wolkenkratzer, pulsierende Nachtmärkte und keine Menschen westlicher Herkunft weit und breit. Diese ersten Momente, einschüchternd und faszinierend zugleich. Das Land hatte uns bereits jetzt in seinen Bann gezogen.

Die taiwanesische Regierung investiert viel in die nachhaltige Entwicklung des öffentlichen Nahverkehrs und des nachhaltigen Tourismus. Auf unserer Rundreise entdecken wir in jedem Ort zahlreiche neu angelegte Fahrradwanderwege, die das Bereisen des Landes in einer ganz anderen Perspektive ermöglichen. Hatten wir uns im Vorfeld doch detailliert über die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und Routen informiert und Pläne geschmiedet, warfen wir diese jetzt alle wieder über Bord. Wir wollten die Insel mit dem Fahrrad erkunden! Unsere Unterkünfte wählten wir nach Verfügbarkeit von Leihrädern aus und unsere Wahrnehmung verschob sich dadurch gewaltig. Taiwan erschien uns plötzlich riesig und die Zeit auf dem Fahrrad umso entschleunigender. Mal war es die klapprige Kiste des Hotels, mal ein Citybike und gelegentlich auch ein gehobener Drahtesel aus dem Fahrradladen. Wir erholten uns auf dem Sattel und hatten Zeit, die Eindrücke zu verarbeiten. Große Sehenswürdigkeiten schienen plötzlich unwichtig, der immanente Wille etwas Außergewöhnliches zu erleben, schwand. Einzug hielt ein Gefühl des sich Treibenlassens, Ankommens und Genießens.

Ein ungewöhnliches Vorhaben

Raus aus dem wuseligen Taipei in Richtung Sonne-Mond-See. Nachdem uns der Hotel-Rezeptionist einen effizienten Bus-Ausflug mit anschließender Gondelfahrt von vier Stunden anpries, war uns ziemlich klar, dass wir das auf keinen Fall wollten. Auf Nachfrage, ob wir den See mit Rad umrunden könnten, bekamen wir nur ein irritiertes Lächeln zurück. Er hatte noch nie etwas davon gehört. Während die Menschen von Tempel zu Tempel sprinteten, um sich anschließend in die lange Reihe für eine Gondelfahrt anzustellen, genossen wir die Freiheit und zeitliche Flexibilität auf zwei Rädern. Es waren schweißtreibende fünf Stunden bergauf und bergab, aber die Ausblicke entschädigten die Anstrengungen. Auf dem Weg begegnete uns tatsächlich kein anderes Rad, lediglich Reisebusse rauschten ab und an vorbei. Die Ruhe und Einsamkeit berührt uns – hätten wir dieselbe Erfahrung auch vom gemütlichen Sitz eines klimatisierten Vehikels gemacht?

Schwierigkeiten und Erfolgsmomente

Dass auf einem klapprigen Fahrrad inmitten des Dschungels nicht alles glatt gehen kann, hätten wir uns auch vorher denken können. Die Sonne schien in Hualien und wir gingen unserem neu errungenen Prozedere nach – Google Maps aufrufen, Küstenlinien, Seen oder Berge finden, Rucksack packen, aufs Rad schwingen und losradeln. Während wir im gewöhnungsbedürftigen Berufsverkehr der Taiwanes*innen einige Male knapp dem Tode entrannen, öffnete sich plötzlich der Himmel und ergoss sich in strömenden Schauern. Vermutlich wäre es zu diesem Zeitpunkt ratsam gewesen, den Rückweg anzutreten. Stur wie zwei Esel hielten wir allerdings schnurstracks auf den nächsten Supermarkt zu, kauften uns zwei Regencapes und setzten die Fahrt fort. Es ging mittlerweile nur noch bergauf, selbst die Regencapes waren durchnässt und unsere Finger gefroren. Doch das Ziel war nah und den Zeitpunkt für den Rückweg hatten wir bereits 20 km zuvor verpasst. Wir wollten und mussten den See erreichen.

Auf der letzten Straße zum See hielten wir plötzlich an und wischten uns die dicken Regentropfen aus den Augen. War da tatsächlich ein Rudel wildlebender, aggressiver Hunde, die jedes Auto ansprangen, was an ihnen vorbeifuhr? Mussten wir so kurz vor dem Ziel doch zurück? Wir haderten, diskutierten, entwickelten und verworfen Ideen, bis wir uns einfach trauten. Wir warteten ein Auto ab, fuhren hinterher und bogen nassgeschwitzt eine Straße vorher ab, rasten die letzten Meter zum See… – im Rücken die bellenden Hunde – geschafft! Der See war auch in Nebel gehüllt wunderschön. Wir waren aufgrund der Wetterverhältnisse wohl die einzigen Menschen weit und breit und genossen die mystische Ruhe inmitten der dicken Nebelschwaden. Den Rückweg indes packten wir mit links.

Reiseerleben oder Reise erleben?

Tourist*in sein, kann auch anstrengend sein. Man setzt sich Ziele, will etwas sehen und erleben. Gleichzeitig möchte man entspannen, aber möglichst viel unternehmen. Fotografieren, Filmen und trotzdem den Moment genießen. Auch das Wetter beeinflusst unser Erleben maßgeblich und lässt den Urlaub je nach Wetterlage in einem anderen Licht erscheinen. Der Druck des Alltags wird häufig auf das Reisen projiziert – auch hier sollen Dinge abgearbeitet werden. Mit zunehmender Reiseerfahrung an verschiedensten Orten dieser Welt stellten wir uns immer häufiger die gleiche Frage: Verfehlen wir den ursprünglichen Zweck des Reisens durch unser Reiseverhalten, und begünstigen damit, dass weder der Reisende noch der Einheimische zufrieden ist? Entweder sind zu wenig oder zu viele Tourist*innen am Platz. Gehetzt fährt der hundertste Reisebus des Tages die Sehenswürdigkeiten ab, lädt Pauschaltourist*innen auf und bringt sie wieder zurück. Die gleichen Ansprüche, nur mit Sonne und Strand. Andererseits bleibt der erhoffte touristische Profit aus, wenn Individualreisende lieber mit Roller über die Insel düsen als in den Reisebus zu steigen. Individualreisende sind nicht so kaufwillig wie Pauschalurlauber*innen. Das Hostel, der Roller und das nächste Bier sollen möglichst billig sein, das Geld muss schließlich lange reichen. Auf beiden Seiten entwickeln sich Stereotype, Abzocke und Misstrauen. Westliche Tourist*innen implizieren Reichtum, der bei Einheimischen Neid und Profitdenken verursacht. Die Reisenden wiederum möchten nicht auf ihr Geld reduziert werden, sondern eine schöne Zeit haben und auf freundliche Gesichter treffen – allerdings unter Zeitbegrenzung und möglichst bequem.

Taiwan hat uns dazu angeregt, den ursprünglichen Zweck des Reisens und damit unser Reiseverhalten zu überdenken. Was man sieben Wochen auf einer kleinen Insel macht, die in vier Stunden mit dem Auto durchquert werden kann? Das Resümee können wir nur für uns ziehen: Wir haben so viele wertvolle Erfahrungen gemacht, uns selbst besser kennengelernt, Grenzen ausgetestet und vor allem eines: herausgefunden, was nachhaltiges Reisen und Leben für uns persönlich bedeutet. Sowohl nachhaltig für Land und Leute, für den Tourismus als auch für uns persönlich.

„In einem Land am Ende der Welt“

Frühjahr 2021

Reisen ist für jeden etwas. Es bedeutet, die eigenen vier Wände zu verlassen. Egal wohin. Wichtig ist nur, den angestammten Ort zu verlassen, es zu tun, Ausreden wie Zeit und Geld einmal nicht gelten zu lassen und sich  dabei nicht den üblichen Zwängen des Alltags zu unterwerfen.
Ziele dafür, finden wir genug, für Jedermann und -frau. Wir setzten im Frühjahr das Thema „Pilgern“ fort, begeben uns auf eine Reise über Brücken und sind ein Jahr lang im Land der Kiwis – Neuseeland.

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